Erfahrungsbericht zu billigen Querlenkern aus den Auktionshäusern

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Testbericht Billigquerlenker

Da ja immer wieder die Frage aufkommt, ob die verlockend billigen Querlenker aus den Online-Auktionshäusern auch tatsächlich brauchbar und für den Typ 44 geeignet sind, hier ein Testbericht über ein solches Teil.

Getestet wurde

...ein linker vorderer Querlenker mit 19 mm Gelenkzapfen. Kostenpunkt im November 2003 war 75,- Euro. Ich gebe zu, daß ich es damals selbst noch nicht besser wußte, was von solchen Teilen zu halten ist und fand es günstig - zumal "Erstausrüsterqualität" versprochen wurde.

Testfahrzeug: Audi 200 quattro 20V Bj. 1990

Gesamt-Teststrecke: 31.000 km

Netto-Nutzungsdauer: ca. 1 Jahr

(zwei Mal April bis Oktober, kein Winterbetrieb) - und auch im Sommer kein tagtäglicher Einsatz, da abwechselnd mit anderem 44er.

Fahrweise: vorwiegend Autobahn

...Langstrecke mit 110-150 km/h, gelegentliche Eifelrundfahrten mit erhöhtem Ladedruck, ca. 1500 km Anhängerbetrieb, keine "grundsätzliche Heizerei".

Fahreindruck:

  • Bereits nach 10.000 km waren wieder minimale Geräusche aus Richtung des Querlenkers zu hören. Da das Teil noch relativ neu war, die Geräusche anfangs gering waren und das Teil sogar zwei Jahre Garantie hatte, erstmal nichts weiter bei gedacht.


  • Ab 20.000 km spürte man ein leichtes Flattern und "Rubbeln" des Lenkrades beim Fahren, was zunächst als "Bremsplatten" der Reifen fehlinterpretiert wurde, aber ab 25.000 km zunehmend stärker wurde. Ebenso wurden die Geräusche deutlicher.
  • Der auf den folgenden Bildern gezeigte Querlenker war übrigens einen Monat vor seinem Ausbau im Rahmen der Hauptuntersuchung anstandslos "durchgewunken" worden - offensichtlich also einfach übersehen.
  • Die vergangenen Forumserfahrungen mit ausgehakten Traggelenken sowie das zunehmende "Rubbeln" und die Geräusche nahm ich zum Anlaß, trotz unauffälligen HU-Berichtes den Querlenker im eingebauten Zustand zu prüfen. Dieses würde ich jedoch nur bedingt weiterempfehlen, da zahlreiche Mängel dann übersehen werden können, vor allem, wenn man mit Fahrwerksteilen noch nicht so viel Erfahrung hat. Im Zweifelsfall sollte man sich stets die Mühe machen, die Traggelenke irgendwann mal auszudrücken und die Gelenke im ausgebauten Zustand zu beurteilen.

Das Ergebnis der Prüfung in diesem konkreten Fall hielt ich jedoch für so eindeutig,

...daß ich mich zum Austausch des Lenkers gegen ein Originalteil entschloß.

Das erste Bild zeigt das bei billigen Nachbauquerlenkern einteilige Gummilager (Original: zweiteilig) gegen den Stabi:

Das Gummi ist an der Außenseite komplett weggescheuert bis aufs Metall.

  • Unter dem Schreibstift erkennt man angehobene Reste des noch vorhandenen Gummis. Die innere Gummibuchse ist auf schätzungsweise zwei Dritteln ihrer Länge aus dem Innengummi herausgelöst.


  • Das Gummi ist so weich, daß es sich die Buchse zwischen zwei Fingern hin- und herbewegen läßt.


  • Die schalenförmige große Unterlegscheibe (Original-Auditeil) am Stabi ist dort, wo am Querlenker das Gummi fehlt, offensichtlich infolge Anschlagens des Querlenkers deformiert worden.


  • Ich vermute aus dieser Beobachtung, daß das Gummi in seiner Festigkeit/Härte vollkommen unterdimensioniert ist für den Audi, sonst hätte der Lenker nicht so oft an der Scheibe anschlagen können, daß diese so erheblich deformiert wurde.

Zweiter Punkt: Traggelenk.

  • Die Traggelenksmanschette ist nicht nur eingerissen, sondern völlig zerfetzt.
  • Dies war zugegeben im eingebauten Zustand nicht zu sehen, hätte man bei der HU aber festgestellt, wenn man die Manschette angefaßt hätte. Die Fettfüllung fehlt fast vollständig, das Traggelenk hat knapp zwei Millimeter Spiel in alle Richtungen.

Dritter Punkt: Innenlager.

  • Der Riß im Innenlager sieht zwar noch recht harmlos aus, ist aber komplett umlaufend um die innere Buchse.
  • Diese läßt sich allein zwischen zwei Fingern fast vollständig aus dem Rest des Lagers herausziehen, sowie mindestens 90° in jede Richtung drehen.


  • Ebenso ist auch dieses Gummi sehr weich - viel zu weich.

Mit dem nun neuen Original-Querlenker sind sämtliche Geräusche verschwunden, das Lenkrad verhält sich sehr ruhig, kein Flattern oder Rubbeln mehr feststellbar.

  • Also doch kein Bremsplatten, sondern ein Effekt des völlig defekten Querlenkers.

Schlußfolgerungen

  • Man überlege sich außerdem mal, ob die Nutzungsdauer des Teiles in irgendeiner Relation zu den Anschaffungskosten steht - mit denen es alleine ja auch nicht getan ist, Stichworte Versand, Ausbau, Einbau, Spurvermessung.

Und welche Sicherheitsrisiken wohl von einem solchen Teil ausgehen,

  • ...vorallem, wenn jemand konsequent schmerzfrei über die (akustischen) Signale, die ein solches Ding aussendet, hinwegsieht - und sich nicht im (fast) vorletzten Moment mal selbst unters Auto legt und nachschaut, ob die letzte Hauptuntersuchung eigentlich auch tatsächlich gewissenhaft durchgeführt hat.

Aus den geschilderten Erfahrungen kann daher nur der dringende Rat gegeben werden, sich im Bereich des Fahrwerkes von Billigprodukten fernzuhalten,

  • ...selbst wenn der Preis auf den ersten Blick noch so "günstig" erscheint. Hier können ausschließlich Originalteile oder Teile namhafter Erstausrüster empfohlen werden.

Leider ist KEIN qualitativ hochwertiger und für den 44er geeigneter Neu-Querlenker unter 130,- Euro zu bekommen.

  • Aber sowas sollte gut angelegtes Geld sein. Was nützen einem denn die schönsten neuen Alufelgen, wenn bei Tempo 230 auf einmal der Querlenker aushakt und die Fahrt in der Leitplanke endet? Darüber sollte man dringend nachdenken.

Preiswerte Alternativen

  • Wer das Geld für einen neuen Querlenker nicht aufbringen kann oder möchte, der kann evtl. über einen gebrauchten Original-Audi-Querlenker nachdenken.
  • Die Traggelenke halten, solange die Manschette nicht beschädigt wird und die Fettfüllung nicht entweicht, sehr sehr lange.
  • (Erfahrungen von Thomas: 470.000 km im Vierzylinder ohne jegliche Probleme, rechter Querlenker 315.000 km im 20V ohne jegliche Probleme, linkes Traggelenk infolge Manschettenschadens vorzeitig defekt).
  • Die Gummiteile halten natürlich nicht so lange.
  • D.h. wer lieber einen gebrauchten Lenker verbauen möchte, besorgt sich erstmal ein gutes Gebrauchtteil. Die Traggelenksmanschette soll noch in Ordnung sein. Das Traggelenk soll so gleichmäßig schwergängig sein, daß es zwischen zwei Fingern "nur noch so gerade" zu bewegen ist.
  • Ein solches Teil sollte im Bereich von 20-30 Euro im Rahmen einer Schlachtung zu bekommen sein.
  • Die Traggelenksmanschette entfernen, unter dieser sollte sich noch ausreichend Fett befinden. Das alte Fett entfernen, und mit frischem MoS2-Hochleistungsfett auffüllen. Das Innenlager kann man tauschen (Presse) oder tauschen lassen (Audiwerkstatt/freie Werkstatt/ggf. sogar in einer Schlosserei mit Presse). Die Außenlager ebenfalls erneuern, auch die Traggelenksmanschette.
  • Somit hat man einen generalüberholten Gebraucht-Querlenker, die Kosten dafür belaufen sich (je nach Teilequelle) auf 50-60 Euro pro Lenker.
  • Das kostet alles nicht wesentlich mehr, als billige Neuteile fragwürdiger Qualität. Und gerade bei solchen sensiblen Teilen sollte man nicht am falschen Ende sparen. Und die Qualität der Audi-Originalteile aus den späten 80er Jahren ist schließlich langjährig unter Beweis gestellt.

Anmerkungen

  • Beim Fahrwerk gilt: Sicherheit vor Schönheit und falschem Sparen!
  • Ähnliches gilt im Übrigen auch für uralte Querlenker, die niemals gewechselt wurden:

So etwas geschieht vor allem dann, wenn die Traggelenksmanschette irgendwann reißt, und das Fett entweicht. Auch neigt das Fett im Laufe der Jahrzehnte offensichlich zum Verhärten. Daher ist es auf jeden Fall auch eine Überlegung wert, die Querlenker mal auszubauen und die Traggelenke neu zu fetten und mit neuen Manschetten zu versehen, bevor sie kaputt gehen. Denn das ist immer noch die preiswerte Variante - Vorbeugen geht vor Heilen winking smiley

Siehe auch